Jubiläum mit neuen Erkenntnissen

"Lay back, listen and enjoy" ist zwar das Motto vom Sunday Afternoon Project, das für die musikalische Begleitung des 2. Würzburger Werkstattgespräches der Firma König & Müller sorgte, aber bei diesem "Freitag Nachmittag Projekt" durften sich Herbert König und Gerhard Müller wohlverdient "zurücklehnen, zuhören und genießen" und auf fünf Jahre zurückblicken, die sie gemeistert haben.

 

Im Interview in not 3/2002 berichteten die beiden, wie das Zentrum für Klinische Neuropsychologie König & Müller und die GNP-Akademie entstanden sind - gute Zeiten, schwierigere Zeiten. Aber sie haben es geschafft und das galt es zu würdigen und zu feiern. Eingeladen war in den Toskana-Saal der Residenz in Würzburg - einem wunderschönen Saal mit Blick auf den Hofgarten in eben dieser .Residenz', dem mächtigen Schloss über Würzburg, das als Weltkulturerbe von der UNESCO anerkannt ist. Freunde, Referenten, Wegbegleiter, Förderer und die Familien der beiden Gründer waren von nah und fern gekommen.

Anerkennung für den Mut zur Selbständigkeit
Gerhard Müller erinnerte in seinen Einführungsworten daran, dass Napoleon, als er einst in Würzburg weilte, diese Residenz als das größte Pfarrhaus Europas bezeichnete und sie nun stolz wären, nachdem sie sich in den Anfangsjahren doch so manches Mal als .Forellen im Haifischbecken' gefühlt hatten, nun hier feiern zu dürfen. Und so übergab er mit Herbert König an Bernd Frittrang, M.A., Klinischer Linguist aus Coburg, der (berufsbedingt) sprachgewandt und charmant diesen Nachmittag moderierte.
Dr. Karin Schoof-Tams, Leitende Neuropsychologin der Klinik Westend in Bad Wildungen und Vorsitzende der Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP) sprach schon vor fünf Jahren beim Start von König & Müller und hatte den Mut der zwei Neuropsychologen bewundert aus sicheren Anstellungen diesen Schritt zu wagen.
Seit circa 15 bis 20 Jahren ist es bekannt, dass gerade die neuropsychologischen Defizite den schädel-hirnverletzten Patienten den Alltag schwermachen. Drei bis vier Wochen nach der Rückkehr aus der Rehaklinik ,tut sich ein großes Loch auf, denn nichts ist mehr so für die Familie, den Arbeitsplatz wie es gewesen war.

  Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den Kostenträgern ist über die Jahre nicht einfacher geworden. Das Gesundheitswesen ist im Umbruch. Nichts desto trotz darf nicht außer Acht gelassen werden, dass auf Grund immer schnellerer und effektiverer Technik immer mehr Menschen gerettet werden können, also heute Menschen überleben können, deren Erkrankungen und Unfälle früher den sicheren Tod bedeutet hätten. Diesen Menschen muss dauerhaft geholfen werden, so zum Beispiel brauchen sie Hilfe, um an ihren neuropsychologischen Defiziten arbeiten zu können.
Seitdem l. Januar 2000 führt König & Müller auch die GNP-Akademie, das Aus- und Fortbildungsinstitut für Neuropsychologen, die eine wichtige Rolle in der Qualitätssicherung der Gesellschaft für Neuropsychologie darstellt. So hat sich diese Zusammenarbeit als sehr fruchtbar erwiesen. Die GNP ist innerhalb der letzten fünf Jahre von 800 Mitgliedern auf inzwischen circa 1400 Mitglieder angewachsen.
Danach stellte Bernd Frittrang den Landrat des Landkreises Würzburg, Waldemar Zorn vor. Dieser sprach nicht nur in seiner Funktion als Landrat, sondern auch als betroffener Vater. Die Praxis König & Müller konnte seinem Sohn nach einer Tumor-Operation dahingehend helfen, dass er schon zwei Semester später sein Studium wieder aufnehmen konnte. Als Landrat ist er Gesellschafter des "Würzburger Technologie- und Gründerzentrums", in dem König & Müller seine ersten Räume bezog. Er gratulierte mit den Worten: "Sie haben es als Unternehmen geschafft!".
Dritter Redner war der Sozialreferent der Stadt Würzburg und Bezirksrat für Unterfranken, Dr. Peter Motsch, der sich unter anderem auch für die Behindertenarbeit und Selbsthilfegruppen engagiert. Er lobte dreifachen Mut: erstens den Mut zur Existenzgründung, zweitens den Mut, multidisziplinär zu arbeiten und drittens den Mut zur Veranstaltungsreihe "NeuroLoquium".


Das NeuroLoquium ist ein interdisziplinäres, regionales und fallbezogenes Expertengespräch, das seit Dezember 1997 regelmäßig circa alle zwei Monate in Würzburg etabliert wurde für interdisziplinäre Gespräche.
Im vierten Grußwort konnte Erich Helfrich, Gründungsreferent der IHK Würzburg-Schweinfurt, nicht umhin, dass wohl sein Nachname "Helf-rich" ihm den Weg zu seinem Beruf gewiesen habe, denn er sei schon der ,Lehrer und Geburtshelfer der Existenzgründer' hier im Raum Würzburg-Schweinfurt. Und so sei er "mit stolz", dass König & Müller es "geschafft haben". Zum Zeitpunkt der Geburt von König & Müller vor fünf Jahrenhatte es im Raum Würzburg einen Wettbewerb gegeben: "Der gläserne Existenzgründer" - 80 Bewerber machten mit, acht kamen in die engere Auswahl und zwei gewannen den zweiten Preis: König & Müller!. Die Idee zu diesem Wettbewerb war, die Entwicklung dieser Unternehmen öffentlich zu machen - "gläsern", damit andere Hürden erkennen lernen konnten. Denn, so wies Helfrich auch in diesem Kreis noch einmal daraufhin, viele Existenzgründer sind zwar "erfüllt" von ihrer Geschäftsidee und voller Enthusiasmus, aber den meisten fehlt das nötige Eigenkapital (mindestens 15 %), sie vergessen den oft übermächtigen Konkurrenzdruck, weiterhin sind rechtliche Vorschriften oft nicht bekannt und werden bei der Gründungsplanung auch häufig Ziele und Strategien außer Acht gelassen.
Den musikalischen Rahmen der Jubiläumsveranstaltung bot das Sunday Afternoon Project, das akustische Gitarrenduo von Hermann Schäfer (Pädagoge) und Matthias Seuling (Neuropsychologen-Kollege aus Neustadt/Saale) unter dem Motto "Lay back, listen and enjoy" und es war sehr angenehm sich zu diesem Anlass, in diesen Räumen zurückzulehnen, zuzuhören und zu genießen.

 

Genossen wurde in der Pause auch der originelle Imbiss, den Hans Fuchs mit seinem Seminarhotel Haus Franken kreiert hatte. Das Haus Franken wird jedem Neuropsychologen und jeder Neuropsychologin ein wohlvertrauter Ort, da hier die Würzburger Seminare der GNP-Akademie stattfinden.

Großer Bedarf an ambulanter Klinischer Neuropsychologie
Im Programm vorgesehen war auch ein wissenschaftlicher Teil, den der Privatdozent Dr. med. Dr. phil. Hans-Otto Karnath von der Neurologische Universitätsklinik Tübingen mit seinem Vortrag "Was trägt die Grundlagenforschung zur neuropsychologischen Behandlung von Patienten bei?" eröffnete. In einem kurzen Abriss zeigt er an Beispielen der Geschichte wie Franz Josef Gall (der wollte u.a. an Hand der Schädeloberfläche geistige Fähigkeiten zuerkennen) oder Paul Broca (der im Fuß der dritten Stirnhirnwindung den Sitz der Sprache sah.) "Grundlagenforschung betrieben".
Heute weisen uns die bildgebenden Verfahren den Weg. Was aber hat diese Forschung mit der Behandlung des einzelnen Patienten zu tun? Dr. Karnath machte dieses an zwei Beispielen deutlich: der Patient mit einer Neglect-Symptomatik wird es sehr viel schwerer haben in sein prämorbides Leben zurückzukehren als ein Patient mit ausschließlich körperlichen Defiziten. Bildgebende Verfahren konnten den Hinweis geben, dass propriozeptive Stimulation mittels einer Vibrationsbehandlung im Nackenbereich eine deutliche Verbesserung der Neglectproblematik bewirken kann. Jeder zehnte Patient mit einer Hemiparese leidet auch unter der Pusher-Symptomatik. Dieser Patientenkreis hat keine Störung des Gleichgewichts. Sie brauchen die visuelle Rückmeldung über ihre Position.



Prof. Dr. med. Dr. phil. Manfred Herrmann, Universität Bremen, Center for Cognitive Sciences, Department of Neuropsychology sprach zum "Bedarf an ambulanter Klinischer Neuropsychologie". Grundlage zu seinem Vortrag war eine Untersuchung in Süddeutschland (Bayern und Baden-Württemberg), in der circa 1.000 Behandler, niedergelassene und in Kliniken tätige Nervenärzte, Psychologen, Neuropsychologen, befragt worden waren. Es wurde nach der Versorgungssituation, den Angebotsprofilen, der Behandlungsform (ambulant/teilstationär etc.) gefragt. Die genannten Arten neuropsycho-logischer Defizite wie auch der Versorgungsbedarf variierten zwischen den befragten Akut- und Rehakliniken, sowie Nervenärzten und Neuropsychologen. Als mögliche Versorgungsmodelle wurden genannt: Die teilstationäre Rehabilitation in Form einer Tagesklinik, die ambulante Rehabilitation in der Klinik, ambulante Therapiegemeinschaften, ambulante Rehabilitation in kooperierenden Gruppenpraxen, ambulante Rehabilitation in Einzelpraxen.

Fazit: Einem deutlichen Behandlungsbedarf steht nur eine rudimentäres Behandlungsangebot gegenüber. Der Versorgungsbedarf wird von unterschiedlichen Leistungserbringern auch unterschiedlich formuliert. So werden auch die ambulanten Versorgungsmodelle unterschiedlich präferiert.
Seit fünf Jahren ist die Klinische Neuropsychologie nun wissenschaftlich anerkanntes Therapieverfahren, aber nicht im Psychotherapeutengesetz verankert. Mittlerweile gibt es etwa 300 zertifizierte Neuropsychologen. Das Versorgungsangebot ist noch immer viel zu gering. Eine neue Vereinbarung zur Honorierung neuropsychologischer Leistungen ist notwendig.
  Dr. phil. Renate Drechsler, Neuropsychologin und Linguistin an der Universität Zürich am Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie - Forschungsabteilung fragte "Braucht es eine Neuropsychologie des Kindesalters?". Ihre Antwort: "Ja, es braucht eine spezielle Neuropsychologie des Kindesalters!" Warum? Die Kinder-Neuropsychologie arbeitet nicht nur in den ,üblichen' Gebieten der Neuropsychologie, sondern auch bei Teilleistungsstörungen und im Gebiet der Kinder und Jugendpsychiatrie. Renate Drechsler macht immer wieder die Erfahrung, dass sich die allgemeine Annahme oder wohl besser: das Vorurteil "Bei Kindern wachse sich das alles schon wieder zurecht ..." hartnäckig hält. Der Zeitpunkt der Läsion hat große Bedeutung für die langfristigen Auswirkungen, das heißt wie alt war das Kind zum Zeitpunkt des Traumas und welche Entwicklungsstufen hatte es zu diesem Zeitpunkt noch vor sich. Die Folgen des Traumas zeigen sich erst in späteren Entwicklungsphasen. So ist die katamnestisch erhobene "Wiedereinschulung" kein Indiz für den Abbruch der Begleitung beziehungsweise Untersuchung. Im Kindesalter erworbene Läsionen zeigen ihre Symptome in großer Zahl bis weit in das Erwachsenenalter. Ab welchem Alter ist eine neuropsycho-logische Diagnostik möglich? Die Verfahren müssen kindgerecht und dem Entwicklungsstand angepasst sein. Auch ist das Vorurteil ,Neuropsychologische Diagnostik bei geistig Behinderten lohnt nicht' schlicht falsch. Die Neuropsychologie im Kinder- und Jugendalter ist etwas anderes als eine Neuropsychologie des Erwachsenenalters und wird so in der Ausbildung nicht vermittelt.
Die Diplom-Psychologin Claudia Wendel aus der Praxis
Professor Fries in München gab einen Einblick in die Untersuchung "Neuropsychologische Prädiktoren für beruflichen Wiedereingliederungserfolg nach Hirnschädigung".


In dieser Studie wird die Vorhersagekraft verschiedener Faktoren aus dem Rehabilitationsverlauf bezüglich beruflicher Wiedereingliederung untersucht, wobei der Beforschung personinterner Steuerungs- und Anpassungsleistungen ein besonderer Stellenwert zukommt.
Zur Beforschung von Outcome beziehungsweise beruflicher Wiedereingliederung nach Hirnschädigungen wird ein theoretisches Modell zugrunde gelegt. In diesem Modell wird angenommen, dass der Einfluss von Parametern der Erkrankung (klinisches Potential) und von Funktionsbeeinträchtigungen auf das Outcome, also die Leistungsfähigkeit (Performance) in Therapie, Alltag und Beruf, durch eine dritte Instanz, der Psychischen Exekutive, vermittelt wird. Aufgrund der Relevanz von individuellen Prozessen der Krankheitsverarbeitung und subjektiver Bedeutungsgebung (bspw. Lucius-Hoene, 1997; 2000) wurde dieses Konzept eingeführt. Hiermit wird abgebildet, inwieweit es der Person gelingt, Veränderungen zu akzeptieren, in die Handlungsplanung einzubeziehen und sich als kontrollierend beziehungsweise regulierend zu erleben. Die Ausprägung der psychischen Exekutive bei Hirngeschädigten ist einerseits im Sinne einer bereits prämorbid bestehenden Größe als stabil anzunehmen, andererseits durch schwerwiegende Einschnitte und Veränderungen, beispielsweise der kognitiven Funktionsfähigkeit, auch als fragil und veränderbar.
Das geschilderte Zusammenwirken findet immer auf der Basis von und in Interaktion mit Umweltvariablen statt. Der Qualität des sozialen Netzwerkes und den Arbeitsplatz- und Arbeitsmarktbedingungen kommt im Hinblick auf berufliche Performance ein besonderer Stellenwert zu.
  Beruflicher Wiedereingliederungserfolg ist zu einem gewissen Grad von der Ausprägung der Psychischen Exekutive abhängig, ist aber gleichzeitig nur bedingt personabhängig! Wenn ein positives berufliches Outcome hauptsächlich auf ein ungewöhnlich hohes Entgegenkommen durch Arbeitgeber bedingt ist, wäre es erstaunlich, wenn dieses durch Variablen aus dem Therapieverlauf vorhergesagt werden könnte. So betrachtet bleibt das Kriterium der beruflichen Wiedereingliederung nach Hirnschädigungen zu einem gewissen Anteil unvorhersagbar.
Die Rückkehr in den Beruf nach Hirnschädigung hängt ebenso intensiv von personunabhängigen Faktoren ab und darf in keinem Fall mit Arbeitsfähigkeit gleichgesetzt werden. In Anbetracht der Veränderungen der Arbeitsmarktlage mit ständig zunehmenden Anforderungen an individuelle Effizienz, Flexibilität und Lernfähigkeit muss diskutiert werden, inwieweit es überhaupt sinnvoll ist, Behinderte in den ersten Arbeitsmarkt wiedereinzugliedern. Rehabilitationspraktiker sollten sich als Vermittler zwischen dem Gesundheitssystem und den einzelnen Patienten begreifen, und somit nicht als "Vollstrecker" der Vorgaben von Sozialversicherungsträgern agieren. (Die Ergebnisse dieser Untersuchung werden in Kürze in der Fachliteratur veröffentlicht).
Nach dem breitgefächerten wissenschaftlichen Programm fand ein interessanter Nachmittag seinen Ausklang in der Antikensammlung des Universitätsmuseums von Professor Sinn in der Residenz.
 

NOT 5/2002