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Ein Junges Pflänzchen
im Dschungel des Gesundheitswesen Am l. April hatten Sie fünfjähriges Jubiläum Ihres Zentrums für Klinische Neuropsychologie in Würzburg. Sie waren eine der ersten ambulanten Einrichtungen für klinische Neuropsychologie in Deutschland. |
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Herbert König: |
| not: Sie haben sich in ihrer Praxis auf Patienten mit erworbenen Hirnschädigungen spezialisiert. Welche Krankheitsbilder gehören dazu? |
| Herbert König: Alle Erkrankungen oder Schädigungen des Gehirns. Am häufigsten suchen Menschen mit Schädel-Hirnverletzungen oder mit Schlaganfällen unsere Unterstützung. Aber auch bei entzündlichen Erkrankungen, Sauerstoffmangel des Gehirns, Multipler Sklerose, Parkinson-Krankheit und Abbauerkrankungen wie die Alzheimer-Krankheit bieten wir unsere neuropsychologischen Hilfen an. |
| not: Kann die Klinische Neuropsychologie schon im frühen Krankheitsstadium einsetzen? |
| Gerhard Müller: Auf alle Fälle, denn die kognitiven Störungen warten nicht, bis man wieder zuhause ist. Sehr günstig wäre, wenn mehr Kollegen in den Akutkliniken arbeiten würden, die dann für die Reha-Klinik oder die ambulante Praxis schon wichtige Vorarbeit leisten. Unsere Kontakte zu den verschiedenen Akutkliniken im Raum haben sich deutlich verbessert, so dass wir schon früh angefragt werden. Am liebsten würden wir aus der Praxis heraus schon früh Konsiliardienste anbieten, doch die Strukturen im stationär-ambulanten Übergang sind nicht sehrflexibel. Ein erster Ansatz ist die Gründung des Stationär-Ambulanten-Verbundes (SAV e.V.) in Süddeutschland, wo Kliniken und ambulante Neuropsychologen vor allem mit den Berufsgenossenschaften zusammenarbeiten. |
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| Gerhard Müller: Ich sehe die Notwendigkeit, für einen Fach- und Berufsverband öffentlich aktiv zu sein, denn die Neuropsychologie ist noch ein junges Pflänzchen im Dschungel des Gesundheitswesens, das wachsen muss und viel Potential hat. Ich bin neben der Mitarbeit in Arbeitskreisen als Landesvertreter der GNP für Bayern, aber auch bundesweit in der Allianz der psychotherapeutischen Verbände für die GNP tätig. Unsere Kontakte innerhalb der GNP sind sehr gut. Herbert König: Die GNP war für mich immer so etwas wie eine wissenschaftliche und kollegiale Heimat. Deshalb habe ich mich immer wieder gerne ehrenamtlich in verschiedenen Gremien der GNP engagiert. Eine ausgesprochen gute Kooperation mit dem Vorstand der GNP drückt sich auch darin aus, dass man uns im Januar 2000 die Geschäftsführung der GNP-Akademie übertragen hat. Die GAP-Akademie bei König & Müller ist das Weiterbildungswerk der GNP. Wir bieten die Kurse an, die in der Weiterbildung zum Klinischen Neuropsychologen benötigt werden, machen aber sehr gerne auch Angebote für andere Berufsgruppen. Zudem suchen wir die Zusammenarbeit mit anderen Instituten oder Verbänden, um gemeinsame Angebote zu schaffen. |
| not: Bekannt ist Ihre Einrichtung auch durch das seit 1997 regelmäßig stattfindende NeuroLoquium. Was hat es mit dieser Veranstaltung aufsich? |
| Herbert König: Die Idee, aus der heraus das Neuro Loquium entstanden ist, kam aus dem Bedürfnis nach Vernetzung und Austausch mit Personen aus möglichst vielen Berufsgruppen. Ich sagte vorhin ja schon, dass es am Anfang der Selbständigkeit schwierig war, ohne ein Team, wie wir es aus der Klinik gewohnt waren, zu arbeiten. Um das in anderer Form zu ersetzen, laden wir Kollegen und Kolleginnen aus allen Berufsgruppen der neurologischen Versorgung regelmäßig zu einem Austausch ein. Von bis zu drei Referenten wird normalerweise ein Thema vorgetragen, das sich sehr stark an der täglichen Praxis orientiert. Häufig werden "Fälle" aus der Praxis dargestellt und aus verschiedenen Perspektiven diskutiert. Gerhard Müller: Das NeuroLoquium war bisher eine unserer besten Ideen! Über 20 regionale und interdisziplinäre Veranstaltungen sind es nun schon - zu sehen auf unserer Ho-mepage (http:\\www.neuropsy-chologie.de). Die Organisation ist recht spannend: Verhandlungen mit Sponsoren und Referenten sowie die Zusammenarbeit mit verschiedenen Chefärzten, die uns unterstützen, machen Spaß, auch wenn manchmal Dinge erst in letzter Sekunde klappen. |
| not: Einer Ihrer Schwerpunkte ist die verkehrspsychologische Unterstützung, für viele Hirnverletzte ein sehr wichtiger Aspekt. Wie kann sich der Betroffene mit diesem Thema auseinandersetzen? |
| Gerhard Müller: Wenn es geht, schon sehrfrüh und zwar in der Klinik. Die Betroffenen sollen die Ärzte und Neuropsycho-logen fragen und sich informieren. Nur keine Angst, auch wenn dieses Thema heikel ist. Autofahren ist ein Stück Lebensqualität, aber auch gefährlich. Ein Unfall kann einem Schädel-Hirnverletzten noch mehr Ärger und Schwierigkeiten bereiten. Hierbei helfen wir in Zusammenarbeit mit einem Neurologen und einer engagierten Fahrschule, denn die Materie ist komplex, aber betrifft sicher 80 % unserer Patienten - und indirekt natürlich alle Verkehrsteilnehmer. |
| not: Was verstehen Sie unter Supervision oder anders gesagt "Helfer helfen helfen"? |
| Herbert König: Genau, wie Sie sagen: Supervision soll Helfern beim Helfen helfen. Es geht um eine psychologische Form der Beratung, die sich auf die Berufstätigkeit bezieht. Gerade bei den helfenden Berufen spielt das Mitmenschliche zwischen Helfer und Patient, aber auch im Team immer eine bedeutsame Rolle. Wenn "die Chemie nicht stimmt", wird Helfen oft ausgesprochen schwierig, entmutigend und letztlich wenig wirksam. Hier kann Supervision Abhilfe schaffen, indem manches Problem aus einer anderen Perspektive betrachtet wird und Lösungen erarbeitet werden. Supervision soll immer die vorhandenen Kompetenzen erhalten, stärken und erweitern. Das heißt oft auch Lernen. Wobei mir wichtig ist, dass auch der Supervisor in der Supervision sehr viel lernt! |
| not: Oft sind Hirnverletzte in ihrer verbalen Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt, deshalb ist der Computer ein gutes Medium. Ein künftiges Angebot der K&M, des SHV und der Fachzeitschrift not versucht Abhilfe zu schaffen. Wie wird diese Mailing-Liste aussehen? |
| Gerhard Müller: Dass der Computer oft die dritte Hand des Neuropsychologen ist, denken viele! Ich sehe aber auch, dass der Computer und die Verbindung zum Internet den Betroffenen neue Welten eröffnen, die durch die Erkrankung oft verschlossen bleiben. Jemand kommt wegen einer Behinderung z.B. schlecht von zuhause weg und sucht Kontakte. Deswegen planen wir zwei sogenannte "Mailing-Listen" für Betroffene und Angehörige, in der sich alle Mitglieder untereinander gleichzeitig - und das ist der Witz - austauschen können, egal wo sie wohnen. Herr Siegel vom SHV nimmt die Sache jetzt in die Hand und ich stehe ihm zur Seite. Das wird sicher spannend! |
| not: Können Sie trotz aller Anfangschwierigkeiten jungen Neuropsychologen zur Selbstständigkeit raten? |
| Herbert König: In der augenblicklichen Situation unseres Gesundheitswesens ist das eine sehr schwierige Frage. Wenn ich sehe, wie viele Menschen unsere Hilfe brauchten, wünschte ich mir, dass viele Kollegen den Mut hätten, sich selbständig zu machen. Andererseits ist es nach wie vor ausgesprochen schwierig, eine Existenz mit neuropsychologischer Tätigkeit dauerhaft zu sichern. Es gibt gerade für die jüngeren Kollegen im Moment weder eine berufsrechtliche noch eine sozialrechtliche Absicherung. Das bedeutet für eine Existenzgründung ein immens hohes Risiko. Gerhard Müller: Wenn die Kollegen wagemutig sind und sich durch Rückschläge nicht entmutigen lassen, dann ja! Aber man sollte sich sehr gut vorbereiten und überlegen, wie man sich absichert, z. B. über andere Standbeine, so wie wir es gemacht haben. Pioniersein ist ehrenvoll, aber gefährlich und das Gesundheitssystem beinahe wie der wilde Westen. Meine Mutter sagte mir, als ich die "sichere" Stelle im öffentlichen Dienst verließ, das sei wieder typisch für mich, aber ich hätte immer schon alles auf eigene Faust gemacht. Herbert König: Die gute Nachricht ist doch, dass es uns nun immerhin schon fünf Jahre lang gibt. Darauf sind wir auch ein bisschen stolz. Aber das macht man nur mit viel Unterstützung. Und deshalb möchte ich mich auch bei Ihnen ganz herzlich für die Gelegenheit bedanken, unsere Anliegen in der Fachzeitschrift not zur Diskussion zu stellen. Gerhard Müller: Herbert bringt es auf den Punkt: Nur in einem Netz von Partnern und Wohlgesinnten ist unsere Arbeit für die Patienten und Angehörigen sinnvoll! |
NOT 3/2002
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